Ein agiler Bierpilz mit Kanban-System

Am Pfingstwochenende im Jahr 2013 hatte ich das Vergnügen in einer fünfstündigen Schicht in einem Bierpilz zu arbeiten. Um 19 Uhr sah es noch so aus als wäre das ein langweiliges Unterfangen. Gegen 20 Uhr nahm der Kundenansturm Fahrt auf und erreichte schnell sein Top-Niveau, welches sich bis zum Ende der Schicht hielt! Die Zeit verging wie im Flug. Als ich später noch einmal darüber nachdachte, erkannte ich viele Gemeinsamkeiten mit agilen Werten und Prinzipien,… und einem Kanban-System.

Das agile Manifest gibt Interaktion einen höheren Stellenwert als Prozessen, die Zusammenarbeit mit dem Kunden ist wichtiger als Vertragsverhandlungen und die Fähigkeit auf Änderungen zu reagieren wiegt mehr als das Festhalten an einem Plan. Und genauso war es auch im Bierpilz. Der Prozess vom „Kundenauftrag“ bis zur „Auslieferung“ war höchst veränderlich. Wichtig war die Interaktion mit meinen Mitstreitern. Da kam es schonmal vor, dass ein angezapftes Bier von einem Kollegen für ein Colabier genutzt wurde, der damit einen Kunden bediente. Auf dem Höhepunkt der Hektik wurde dem Kunden vertraut, der bereits den Preis seiner Bestellung inkl. Verrechnung des Glaspfands berechnete und nicht immer mehr nachgezählt. Bei dem hohen Andrang war es trotz „Marktdruck“ wichtig nicht zu viele Bestellungen parallel zu bearbeiten, um die zügige und korrekte Auslieferung von bereits bestellten Getränken gewährleisten zu können. Zu allem Überfluss gab es regelmäßig Störungen in der Produktion, weil zum Beispiel die Fässer getauscht werden mussten. Schnelle Planänderung war nötig! Jetzt werden erst die Bestellungen für Cola, Fanta und Mineralwasser abgearbeitet.

Und was hat das mit (Software-)Kanban zu tun? Ein Getränk ist nun mal keine Software (oder doch? Softdrink?). Dennoch lassen sich Analogien finden. Die Anfertigung eines guten Biers dauert länger als man denkt 😉 Eine Kerneigenschaft von Kanban ist die Visualisierung des Arbeitsflusses. Dieser ist im Bierpilz für alle Beteiligten wunderbar transparent und besteht aus Gläser spülen, Bestellungen annehmen, Gläser befüllen, Getränke ausliefern und Bezahlvorgang. Der Prozess beginnt bei der Annahme einer weiteren Bestellung, sobald ein Bierpilz-Manager für eine weitere Bestellung Kopf und Hand frei hat (Pull-System), was eine Herausforderung darstellte, weil die durstige Kundschaft „Push“ präferierte. Dennoch machten wir durch zu viele parallele Bestellungen schlechte Erfahrungen (Qualität) und konzentrierten uns auf einige wenige (Fokus). Eine weitere Eigenschaft ist die Begrenzung der Menge der angefangenen Arbeit (WiP-Limit). Und die ist im Bierpilz durch die Abstellfläche unter den Zapfhähnen begrenzt. Auch wenn der Zapfer weiteres Bier bereitstellen könnte, es gibt dieses Limit. Eine weitere Begrenzung ist die Anzahl der zur Verfügung stehenden Gläser. In einem Kanban-System werden Engpässe schnell erkannt. So auch im Bierpilz. Nach einiger Zeit wurde die Abstellfläche für benutzte Gläser voller und voller. Es gab keinen „Chef“ im Bierpilz. Das Team organisierte sich selbst. Schnell wurde das Problem erkannt und ein Mitstreiter wechselte vom „Kundenbetreuer“ zum Gläserspülen. Es war erstaunlich, wie die Selbstorganisation funktionierte und sich nach anfänglichem Chaos nach und nach ein gleichmäßiger Fluss (Flow) einstellte. Selbstorganisierte Teams passen also gut zu Kanban. Im Laufe des Abends wurde die Arbeitsweise nach und nach verbessert und die Wartezeiten verkürzt (Lead-Time), sodass die stürmische Nachfrage doch noch bedient werden konnte! Prost!

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